18.02.2016 | Deutscher Bundestag / 18. WP / Sitzung 155 / Tagesordnungspunkt 6

Stefan KaufmannCDU/CSU - 25 Jahre Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag

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Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich freue mich, dass auch unsere Ministerin Johanna Wanka dieser Debatte beiwohnt und damit ihre Wertschätzung für diesen Diamanten, wie Sie es, Frau Kollegin Raatz, formuliert haben, zum Ausdruck bringt.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. René Röspel [SPD])

25 Jahre wissenschaftliche Politikberatung beim Deutschen Bundestag: Das sind nahezu 200 vom Bundestag beauftragte Studien zu gesellschaftlich folgenreichen wissenschaftlich-technologischen Entwicklungslinien. Aber auch Enquete-Kommissionen, Bundes- und Landesministerien, Forschungs- und Bildungseinrichtungen, Behörden, Unternehmen und interessierte Öffentlichkeit nutzen die Ergebnisse der in den TAB-Berichten vorgestellten Szenarien und Handlungsoptionen. Dabei ist das deutsche Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag – wir haben es gehört – mit seinen 25 oder genau genommen 26,5 Jahren nicht einmal das älteste. Das OPECST in Frankreich besteht seit 1985. Die Europäische Union hat bereits 1987 ein TA-Büro, das STOA, eingerichtet, und auch Großbritannien verfügt seit 1989 über ein Parliamentary Office of Science and Technology. Ich denke, wir sind uns einig hier im Raum: Für unsere tägliche Arbeit als Parlamentarier ist die wissenschaftlich fundierte Beratung unerlässlich. Keiner von uns kennt alle Bereiche des medizinischen Fortschritts, neuer Umwelttechnologien oder der neuesten digitalen Entwicklungen. Deshalb ist eine gründliche Technikfolgenabschätzung unglaublich wertvoll.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Ein Grundproblem der Technikfolgenabschätzung möchte ich kurz ansprechen, das sogenannte Collingridge-Dilemma. Es besteht darin, dass Wirkungen einer Technologie nicht leicht vorhergesehen werden können, solange die Technologie noch nicht ausreichend entwickelt oder verbreitet ist. Das Gestalten und Ändern, also das, was unsere Aufgabe als Politik ist, wird jedoch umso schwieriger, je fester die Technologie verwurzelt ist. In den letzten Jahren sieht sich die Technikfolgenabschätzung zudem genötigt, stärker auf die zunehmenden Partizipationsbestrebungen in der Gesellschaft einzugehen und dafür neue Beteiligungsformen zu entwickeln.

(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Allerdings setzt sich die Technikfolgenabschätzung durch eine pauschale Forderung nach mehr Partizipation gelegentlich auch dem Vorwurf der bloßen Legitimationsbeschaffung aus. Auch darüber müsste man vielleicht einmal nachdenken.

Weil eben viel zu den Verfahren gesagt wurde, möchte ich noch zwei aktuelle Beispiele zur Arbeit des TAB herausgreifen, die mich besonders beeindruckt haben bzw. die besonders neugierig machen.

Erstens ist das die bereits mehrfach zitierte Untersuchung zur Synthetischen Biologie aus dem Jahre 2015. Seit gut zehn Jahren werden wir mit dem Begriff der Synthetischen Biologie, kurz: SynBio, konfrontiert. So werden Forschungsvorhaben, Methoden und Verfahren zu einem Umbau natürlicher Organismen bezeichnet, die weiter gehen, als dies bisher mithilfe der Gentechnik möglich war. Das BMBF spricht in diesem Zusammenhang von Biotechnologie 2020+. Darüber hinaus wird auch gerne von Do-it-yourself-Biologie gesprochen. In der Gesellschaft ist dieses Thema jedoch bislang kaum angekommen. Es war das Biotech-Start-up Glowing Plant aus den USA, welches dieses Phänomen der Do-it-yourself-Biologie erst weltweit bekannt gemacht hat. Dieses Start-up will Glühwürmchen-DNA über Bakterien in Pflanzen injizieren und diese so im Dunkeln zum Leuchten bringen. Damit könnte Licht ohne elektrische Energie geliefert werden, was wiederum als natürliche Straßenbeleuchtung dienen könnte – eine irgendwie faszinierende Vorstellung.

(Dr. Thomas Feist [CDU/CSU]: Shining!)

Es wird geschätzt, dass es weltweit etwa 4 000 solcher Biohacker bzw. solcher Start-ups gibt. Für sie ist DNA eine Programmiersprache, mit der sich beliebige Objekte basteln lassen. Für einige ist natürlich die Manipulation von Organismen auch der nächste logische Zivilisationsschritt. Es soll inzwischen sogar ein Start-up geben, das einen 3-D-Drucker für lebendige Dinge bauen will. Ein Mitarbeiter dieses Start-ups wurde mit dem Satz zitiert: „Alles, was lebt, ist nicht optimal. Es kann verbessert werden.“ Oder noch extremer: „Es ist doch offensichtlich, dass irgendwann einmal jeder Mensch an einem Computer entworfen wird.“ Das wiederum, meine Kolleginnen und Kollegen, ist eine eher erschreckende Vorstellung.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Der hochinteressante TAB-Bericht hierzu zeigt aber auch andere Anwendungen auf. Hierzu gehören modifizierte Viren zur Krebsbekämpfung, genetisch veränderte Stechmücken zur Kontrolle des Denguefiebers sowie die Produktion des Pflanzenstoffes Artemisinin als wichtigem Bestandteil von Malariamedikamenten basierend auf Mikroorganismen mit neu konstruierten Stoffwechselwegen. Angesichts dieser nahezu uferlosen Möglichkeiten – dazu gehört im Übrigen auch die von Emmanuelle Charpentier entwickelte Gen-Schere – sind aus meiner Sicht tatsächlich mehr Investitionen in die Bio­sicherheitsforschung notwendig, um auch die Gefahren des Missbrauchs von biowissenschaftlicher Forschung im Allgemeinen und von Synthetischer Biologie im Besonderen zu verringern.

(Beifall bei Abgeordneten im ganzen Hause)

Jedenfalls wird sich der Bundestag aus meiner Sicht in Zukunft noch stärker mit diesem wichtigen Thema beschäftigen müssen. Der TAB-Bericht – da sind wir uns, denke ich, auch alle einig – wird hierzu eine erste wichtige Grundlage bieten.

Darüber hinaus bin ich gespannt auf das gerade laufende Untersuchungsprojekt „Mensch-Maschine-Entgrenzungen – Zwischen künstlicher Intelligenz und Human Enhancement“. Hierbei geht es vor allem um das Thema „Verschmelzung von Mensch und Maschine“. Durch die extrem schell voranschreitende Digitalisierung unserer Gesellschaft stellen sich hier natürlich weitreichende Fragen.

Ich habe im November letzten Jahres der Gründung des Max Planck ETH Centers for Learning Systems in Tübingen beigewohnt. Dort wurden uns selbstlernende Maschinen gezeigt. Sie kennen vielleicht das Spiel, bei dem eine Schnur mit einer Kugel herunterhängt und man versucht, die Kugel durch eine bestimmte Bewegung in ein Loch zu bekommen. Man untersuchte diese Bewegung, und es wurden dort Maschinen gezeigt, die nach mehreren Dutzend solcher Versuche die ihnen gestellte Aufgabe mit einer 100-prozentigen Sicherheit lösen konnten.

Weiter wurden Algorithmen vorgestellt, die anhand Zehntausender Beispiele aus der Vergangenheit mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit die nächste Handlung eines Menschen vorhersagen können. Dazu nur eine Zahl: Siri – Sie kennen das vom iPhone – beantwortet pro Jahr – schätzen Sie einmal – 100 Milliarden mündliche Anfragen. Das Wissen, das hier generiert wird, ist natürlich Big Data im besten Sinne und auch ökonomisch von unschätzbarem Wert. Wenn Maschinen aber bereits in der Lage sind, selbst zu lernen und mit einer 100-prozentigen Präzision zu arbeiten, ist zu fragen: Welche Herausforderungen ergeben sich daraus? Und gibt es irgendwann sogar eine Maschine mit einem eigenen Bewusstsein?

Wie aktuell all diese Fragen sind – der Kollege hat es schon angesprochen –, wurde mir auch bei meinem Japanbesuch im Oktober letzten Jahres deutlich. Japan steht vor einem demografischen Wandel, der noch viel dramatischer ist als in Deutschland. Die Bevölkerungszahl wird von 130 Millionen auf 100 Millionen heruntergehen. Japan setzt aber nicht etwa auf eine aktive Familienpolitik oder gar auf eine Einwanderungspolitik, sondern ganz massiv auf Robotik. Immer menschlicher werdende Roboter sollen alte Leute pflegen, im Haushalt helfen oder ihnen auch als Begleiter zur Seite stehen. Dieser aus unserer Sicht durchaus befremdliche Ansatz wird dort mit großem Aufwand vorangetrieben. Toshiba zum Beispiel investiert allein in den USA 1 Milliarde Dollar in die Erforschung künstlicher Intelligenz.

Meine Damen und Herren, es liegt an uns, die richtigen Fragen aufzuwerfen, die sich mit diesen Herausforderungen verbinden, und entsprechende Aufträge zu erteilen. Ich bin froh, dass uns das TAB hierbei mit großer Expertise und fundierten Analysen zur Seite steht. Dies lassen wir uns übrigens – das Thema Geld wurde angesprochen – durchaus etwas kosten.

Ich wünschte mir manchmal lediglich – auch das sei angemerkt – eine etwas kompaktere Fassung der TAB-Berichte. Das soll aber die insgesamt sehr positive Bewertung der Arbeit des TAB überhaupt nicht schmälern. Deshalb auch von meiner Seite aus abschließend ein ganz herzliches Dankeschön an alle Verantwortlichen bzw. Akteure und auch an dich, liebe Patricia Lips, für diese wichtige Arbeit.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Vielen Dank, Dr. Kaufmann. – Die nächste und letzte Rednerin in der Debatte ist Dr. Daniela De Ridder für die SPD.

(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Daten
Quelle Deutscher Bundestag, Nutzungsbedingungen
Quellenangabe Deutscher Bundestag via Open Parliament TV
Abgerufen von http://dbtg.tv/fvid/6565875
Wahlperiode 18
Sitzung 155
Tagesordnungspunkt 25 Jahre Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag
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