Helga Kühn-MengelSPD - Suizidprävention
Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Liebe Besucherinnen und Besucher! Es ist ein ernstes, ein trauriges, aber ein ganz wichtiges Thema. Deswegen ist es gut, dass wir hier wenigstens noch am Ende dieser Legislatur auf die Notwendigkeit dringen, diejenigen, die sich selber töten wollen, zu erreichen, ihnen ein Angebot zu machen. Die Zahlen hatte Herr Henke schon genannt: 10 000 Menschen pro Jahr. Im internationalen Vergleich liegen wir hoch. Andere Staaten haben auf diesem Feld mehr erreicht. Wir wollen mit diesem Antrag auch dafür sorgen, dass hier der Anschluss erreicht wird.
Die meisten, die sich selber töten, wollen nicht sterben, sie wollen nur nicht mehr leben, sie wollen so nicht mehr leben – mit den Ängsten vor der Zukunft, vor Schmerzen, vor Einsamkeit. Da gibt es viele Gründe. Nicht immer ist der Suizid Ausdruck einer psychischen Erkrankung; er ist aber immer Ausdruck einer tiefgreifenden seelischen Krise, und da ist es schon ganz wichtig, dass wir ein Angebot machen.
Frau Wöllert, ich möchte noch betonen – das ist mir ganz wichtig –: Wir haben mit vielen Gesetzen, die wir in dieser Legislatur beschlossen haben, auch Lebensumstände verbessert,
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie der Abg. Kordula Schulz-Asche [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
auch wenn sich das nicht in jedem Satz widerspiegelt und auch wenn man noch mehr tun könnte. Ich will das jetzt nicht aufzählen, sondern so pauschal stehen lassen. Dafür gibt es viele Beispiele.
Für uns als Gesundheitspolitiker und ‑politikerinnen ist es wichtig, festzustellen, dass mehr als 80 Prozent derjenigen, die einen Suizid begangen haben, zum Zeitpunkt des Todes nicht adäquat behandelt wurden und dass pro Jahr 100 000 Menschen, die einen Suizidversuch gemacht haben, mit dem Gesundheitssystem in Kontakt kommen. Da müssen wir uns schon fragen: Wo ist die Aufmerksamkeit? Wo wird diesen Menschen ein Angebot gemacht? Was kommt in der Ausbildung und Weiterbildung vielleicht zu kurz? Es ist sehr wichtig, sich mit diesem Teil zu beschäftigen.
Es gibt viele gute Angebote. Über diejenigen, die im Antrag erwähnt sind, hinaus denke ich an das SeeleFon in Bonn – ein Angebot, das Angehörigenverbände eingerichtet haben –, an das Atriumhaus in München und an [U25], das ich ganz wichtig finde. Bei Menschen bis zu 25 Jahren ist Selbstmord die zweithäufigste Todesursache. Es gibt in der Altersgruppe bis 25 Jahre 500 Suizide pro Jahr. [ U25] macht diesen Menschen über einen E‑Mail-Kontakt ein Angebot. Das BMFSFJ fördert diese Maßnahme, zunächst einmal zeitlich begrenzt. Aber es ist wichtig, so etwas in die Regelversorgung aufzunehmen.
Wie wichtig auch geschlechtsspezifische Angebote sind, möchte ich Ihnen am Beispiel einer Einrichtung deutlich machen, die es in Köln gibt. Jedes siebte lesbische Mädchen in Nordrhein-Westfalen im jungen Alter, bis 23 oder 25 Jahre, stirbt durch eigene Hand. Deswegen gibt es dieses Angebot, finanziert vom Land Nordrhein-Westfalen, noch von der alten Regierung vor Jahren eingeführt. Die Stadt Köln und, ich glaube, auch die Sparkasse sind beteiligt. Aber nicht das ist entscheidend, sondern die Tatsache, dass es ein solches Angebot gibt. Ich habe das bis zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst, fand die Zahl wirklich erschütternd. Das zeigt, wie sehr wir uns darum kümmern müssen, dass geschlechtsspezifische, gruppenspezifische Angebote im System verankert werden.
(Beifall bei der SPD)
Wir müssen immer wieder deutlich machen: Diese Krisendienste – ob telefonisch, ob online, ob in der persönlichen Beratung – sorgen nicht nur dafür, dass ein Suizid weniger stattfindet, sondern verhindern auch Zwangsmaßnahmen, Zwangseinweisungen, die hier häufig passieren.
Aber wie geht es weiter, nachdem man die Menschen erreicht hat? Wo sind die Versorgungsketten? Wo sind die regionalen Versorgungspunkte? Wo sind die niedrigschwelligen und zielgruppenspezifischen Angebote? Davon gibt es zu wenige.
Es ist viel passiert. Herr Henke hat schon erwähnt das Nationale Suizidpräventionsprogramm, NaSPro, 2002 eingeführt – da war die Frau Präsidentin noch Ministerin –, eine hervorragende Institution. Wir haben auch vieles gemacht, was diese Menschen begleitet und unterstützt, vom Präventionsgesetz – Stichwort „Setting“ – über die betriebliche Gesundheitsförderung bis zur Palliativversorgung. Aber hier muss noch mehr geschehen. Daran wollen wir arbeiten.
Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.
Auch wenn ich weiß, dass manche das nicht mehr hören können: Es ist wahrscheinlich meine letzte Rede. Deswegen möchte auch ich Danke sagen. Wenn etwas gut ist an diesem Beruf, den wir haben, dann ist es, dass man im Kleinen wie im Großen etwas verändern kann und dass man dabei in Kontakt mit so vielen kompetenten Menschen kommt, was wirklich bereichernd ist – nicht im finanziellen Sinn natürlich.
Vielen Dank.
(Beifall)
Vielen Dank, Frau Kühn-Mengel. – Auch von unserer Seite aus noch einmal Danke für die Arbeit, die Sie hier im Deutschen Bundestag seit vielen Jahren geleistet haben. Sie waren vor allen Dingen immer sehr nah am Menschen, wie man sagt, sehr stark engagiert in der Gesundheitspolitik, der Patientenversorgung und haben sich die Frage gestellt: Wie muss etwas aussehen, damit es für die Menschen am besten ist? Sie waren die erste Patientenbeauftragte auf Bundesebene. Ich glaube, alle Kollegen und Kolleginnen schätzen Sie, weil Sie zu denjenigen gehörten, die sehr stark auf Qualitätsverbesserung gesetzt haben, auf Prävention, auf Versorgung, Rehabilitation und Pflege. Herzlichen Dank für Ihre Arbeit. – Vielleicht dürfen Sie ja nächste Woche noch einmal eine letzte Rede halten. Dann werden wir noch einmal danken. Danke schön.
(Beifall)
Jetzt hat für Bündnis 90/Die Grünen Maria Klein-Schmeink das Wort.
Quelle | Deutscher Bundestag, Nutzungsbedingungen |
Quellenangabe | Deutscher Bundestag via Open Parliament TV |
Abgerufen von | http://dbtg.tv/fvid/7123115 |
Wahlperiode | 18 |
Sitzung | 241 |
Tagesordnungspunkt | Suizidprävention |