20.12.2019 | Deutscher Bundestag / 19. WP / Sitzung 138 / Tagesordnungspunkt 22

Helge LindhSPD - Wohnungsnot und Obdachlosigkeit

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Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es naht Weihnachten, das Fest der Liebe; es ist der Zeitpunkt des Verzeihens.

(Dr. Alexander Gauland [AfD]: Ach, du Schande!)

Ich wollte versöhnlich sein. Ich hörte diese Rede, ich las die Anträge. Es geht nicht!

(Heiterkeit und Beifall bei der SPD und der LINKEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Ich beginne aber versöhnlich, indem ich meinem Innenausschusskollegen Herrn Herrmann ausdrücklich meine Hochachtung für den konsequenten und mutigen Schritt ausdrücken will, die AfD-Fraktion und die AfD verlassen zu haben. Herzlichen Glückwunsch!

(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Enrico Komning [AfD]: Er hat Angst um seinen Job! Mehr nicht!)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, jetzt werde ich aber unversöhnlich – und das nicht polemisch, sondern realistisch.

Spätestens, wenn man vor Weihnachten solche Anträge stellt, definiert sich die AfD selbst als Antichristen für Deutschland – AfD gleich „Antichristen für Deutschland“.

(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU – Lachen des Abg. Dr. Alexander Gauland [AfD])

Das ist ein moralischer Offenbarungseid. Wenn ich daran denke, dass Sie hier zigmal – ich kann es Ihnen belegen – das christlich-jüdische Abendland beschworen haben: Sie sind die personifizierte Bankrotterklärung, wenn es um das christlich-jüdische Abendland geht.

(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU – Dr. Alexander Gauland [AfD]: Das ist doch schön hier!)

Wenn man – erst recht zu diesem Zeitpunkt – die soziale Frage des Wohnens und der Obdachlosigkeit nutzt, um das Asylrecht aushebeln zu wollen, um ein solches perfides Spiel zu spielen, dann ist das nichts anderes als eine Schändung der christlichen Botschaft, und das muss als solches benannt werden.

(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Lachen des Abg. Dr. Alexander Gauland [AfD])

Wir kommen zur Beweisführung hinsichtlich Ihrer großen christlichen Tugenden. Man gucke mal in die Bibel und in das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Wie ist Barmherzigkeit definiert? Es gibt zwei Kriterien: Gottesliebe und Nächstenliebe.

Punkt 1: Gottesliebe. Gottesliebe fällt bei Ihnen schon mal aus; denn Sie beten heute als Götzen wieder – es war zu hören – den Hass und die Missgunst an. Gottesliebe? Fehlanzeige!

(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Punkt 2: Nächstenliebe. Es heißt übrigens Nächstenliebe und nicht Deutschenliebe, nicht Männerliebe, nicht Weißenliebe, nicht Christenliebe.

(Enrico Komning [AfD]: Wir sitzen für die Deutschen hier im Bundestag!)

In der Bibel heißt es: „Liebe den Nächsten wie dich selbst“. – Da Sie sich selbst nur hassen und jeden Tag mehr Grund haben, sich selbst zu hassen, fällt das auch aus.

Beweisführung erbracht! „ Antichristen für Deutschland“ ist die Definition von AfD.

(Beifall bei der SPD und der LINKEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Sie verhöhnen aber nicht nur die Geflüchteten und Fremden, Sie verhöhnen doch auch die Obdachlosen. Menschen brauchen Wohnungen, Stabilität, Essen.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Was geben Sie ihnen? Sie geben ihnen Hass. Von Hass kann man aber nicht satt werden, Hass schafft keine Wohnungen. Das ist Ihre Antwort. Sozialpolitik? Fehlanzeige!

(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Enrico Komning [AfD]: Aber Sie hassen doch! Warum hetzen Sie hier denn so?)

Aber nicht nur das! Sie schaffen es ja auch, nicht nur die Moral, das Christentum, den Islam und das Judentum zu verhöhnen, sondern Sie verhöhnen auch noch die Logik. Warum? Gucken wir mal in meinen Wahlkreis Wuppertal. Ganz viele, die nach dem Ablaufen der Dreijahresfrist gemäß Wohnsitzauflage nach Wuppertal kommen, kommen deswegen, weil sie es nicht mehr ertragen, in AfD-Hochburgen im Osten wie im Westen zu leben.

(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Folglich ist Fluchtursache die AfD, und Fluchtursachenbekämpfung ist AfD-Bekämpfung.

(Heiterkeit und Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Lachen bei der AfD)

Ich werde meine Kommune Wuppertal auffordern, Sie in Regress zu nehmen für die zusätzlichen Kosten.

(Lachen bei der AfD)

Und noch was: Sie wollen doch Wohnungsnot bekämpfen. Wir brauchen Facharbeiter im Wohnungsmarkt. Viele Facharbeiter wollen aber nicht in ein rassistisches Deutschland der AfD. Folglich verhindern Sie, dass Facharbeiter nach Deutschland kommen. Wohnungsnot ist AfD; um es mal deutlich zu sagen.

(Beifall bei der SPD – Enrico Komning [AfD]: So ein Blödsinn!)

Sehr geehrte Damen und Herren, Sie werden gemerkt haben: Versöhnlich konnte ich heute nicht sein.

(Dr. Alexander Gauland [AfD]: Das sind Sie nie, Herr Lindh!)

Aber es reicht nicht, zu sprechen. Deshalb möchte ich Sie alle bitten – ich kann nur eine Bitte formulieren, eine Aufforderung, vielleicht im Sinne einer stillen Übereinkunft –: Es wäre mal eine gute Geste angesichts eines so niederträchtigen Antrages vor Weihnachten, die drehbaren Stühle zu nutzen, um sich demonstrativ abzuwenden von der AfD-Fraktion

(Enrico Komning [AfD]: Sie sind ein Hetzer! Hass und Hetze, Herr Lindh!)

und sich aus Achtung vor den Obdachlosen, den Wohnungslosen und den Geflüchteten und Migranten in diesem Land diesen zuzuwenden.

Vielen Dank.

(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Caren Lay, Die Linke, ist die nächste Rednerin.

(Beifall bei der LINKEN)


Daten
Quelle Deutscher Bundestag, Nutzungsbedingungen
Quellenangabe Deutscher Bundestag via Open Parliament TV
Abgerufen von http://dbtg.tv/fvid/7409142
Wahlperiode 19
Sitzung 138
Tagesordnungspunkt Wohnungsnot und Obdachlosigkeit
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