01.10.2020 | Deutscher Bundestag / 19. WP / Sitzung 180 / Tagesordnungspunkt 1 Epl 09

Peter Altmaier - Wirtschaft und Energie

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Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich muss auf Rücknahme des Doktortitels bestehen, sonst habe ich morgen früh in der Presselage die allergrößten Probleme.

(Heiterkeit)

Das Zweite ist: Ich möchte mich bei den Berichterstattern, bei den Fraktionssprechern für Wirtschaft aller Parteien ganz herzlich bedanken, stellvertretend natürlich bei meinen eigenen: Carsten Linnemann, Joachim Pfeiffer und Andreas Mattfeldt. Ich habe in den letzten Wochen und Monaten sehr viel Unterstützung bekommen. Und auch meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden bei ihrer Arbeit in dieser unvorhersehbaren und in dieser Form nicht gekannten Krise sehr unterstützt.

Unsere Volkswirtschaft, meine Damen und Herren, wird in diesem Jahr weniger stark schrumpfen als befürchtet. Der Aufschwung hat schneller eingesetzt als erhofft. Die Arbeitslosigkeit ist im letzten Monat im Vergleich zum August um 100 000 zurückgegangen. Viele Unternehmen schöpfen neuen Mut. Der ifo-Index ist zum fünften Mal in Folge gestiegen. Wir sind besser durch die Krise gekommen als die meisten anderen um uns herum, und das verdanken wir Millionen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, Hunderttausenden von mittelständischen und kleinen Unternehmerinnen und Unternehmern. Wir verdanken es einem großartigen Land und seiner Bevölkerung.

(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, der FDP, der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Dennoch: In die Freude und in die Zuversicht mischt sich auch Bedrückung – Bedrückung darüber, dass die Zahl der Infektionen wieder steigt, dass mancherorts die Nachverfolgbarkeit gefährdet erscheint, dass wir Hotspots haben, dass die weißen Flecken, wo es keine Neuinfektionen gibt, von den Landkarten verschwunden sind. Deshalb, meine sehr verehrten Damen und Herren, müssen wir alles daransetzen, dass dieser neue Trend, diese neue Welle gebrochen werden kann. Umso skandalöser ist die zynische Menschenverachtung, mit der eine Fraktion auf der rechten Seite dieses Hauses seit Wochen und Monaten die Risiken und die Gefährdungen der Pandemie verharmlost und herunterspielt.

(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, der FDP, der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Meine sehr verehrten Damen und Herren von der AfD, Sie gefährden nicht nur die Gesundheit von Millionen von Menschen, Sie gefährden auch die Existenz von vielen Mittelständlern, von kleinen Handwerkern, von Selbstständigen, die für ihren Erfolg darauf angewiesen sind, dass wir diese Pandemie bekämpfen, dass wir die Zahl der Infektionen im Griff behalten. Deshalb ist meine herzliche Bitte an Sie: Beenden Sie dieses unpatriotische und unverantwortliche Verhalten,

(Lachen des Abg. Dr. Alexander Gauland [AfD])

und reihen Sie sich ein in den Konsens der demokratischen Parteien hier in diesem Haus.

(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Herr Bundesminister, gestatten Sie eine Frage oder Bemerkung aus der AfD-Fraktion?

(Zuruf von der AfD: Wenn es denn sein muss!)

Ja.

Danke für das Wort. – Herr Minister, ich habe eine Frage. Wir sind doch alle besorgt wegen der Krankheit, um die Gefahren, die damit zusammenhängen.

(Katharina Dröge [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ich dachte, Ihre Fraktion denkt, Corona gibt es nicht!)

Aber am 23. März, als beschlossen worden ist, den Lockdown durchzuführen, der am 25. März dann erfolgt ist, war die Zahl R unter 1. Das heißt, nach den Kriterien der Regierung selbst war es zu dem Zeitpunkt nicht mehr erforderlich, einen Lockdown durchzuführen. Das Problem dabei ist doch: Die Folgen, die daraus entstehen, sind so schwer, dass man das doch nicht einfach wegwischen kann.

Wir haben immer gesagt: Wir wollen die Sache kritisch begleiten. Wir haben immer gesagt: Wir wollen die dauernde Überprüfung des Lockdowns. Das ist leider nicht geschehen. Aber die Folgen sind sehr schwer, wie wir alle jetzt wissen und erfahren müssen.

Herr Abgeordneter, Sie haben ja damals schon gegen diese Maßnahmen gesprochen. Sie haben seither gegen alle Maßnahmen der Bundesregierung gesprochen. Wir haben damals nicht auf Sie gehört, wir hören jetzt nicht auf Sie, und das Ergebnis ist: Wir sind mit der ersten Infektionswelle besser und schneller zurechtgekommen als fast alle anderen Länder in Europa. Der Wirtschaftsaufschwung hat schneller wieder eingesetzt. Der Abschwung war nicht so stark. Zwei Drittel der Menschen in Deutschland sind mit dieser Politik der Bundesregierung und der übergroßen Mehrheit im Parlament einverstanden. Das ist das, was für mich zählt, und nicht Ihre Krittelei und Rechthaberei um jeden Preis.

(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, der FDP, der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich als Wirtschaftsminister weiß, wie viele Selbstständige, Handwerker, Freiberufler und andere sich angesichts der wieder steigenden Zahlen fragen, was das für ihre Anstrengungen bedeutet, für ihren Wiederaufschwung. Sie haben zum Teil viel privates Geld in die Hand genommen, um ihr Unternehmen, um ihr Geschäft über die schwierigen Zeiten zu bringen. Die staatliche Hilfe hat geholfen, natürlich. Aber es wäre ohne die eigenen Anstrengungen der Betroffenen niemals möglich gewesen.

Deshalb möchte ich hier als Minister in aller Deutlichkeit sagen: Sie haben unsere Garantie, dass wir alles tun werden, damit der Aufschwung auch in den nächsten Monaten weitergeht. Wir werden alles tun, um erneute Schließungen und Einschränkungen bei Geschäften, bei Unternehmen, bei Fabriken zu verhindern, weil wir überzeugt sind, dass dort nicht der Grund für das Wiederansteigen der Infektionen ist, sondern in vielen Fällen im privaten Bereich, bei Feiern und bei ähnlichen Vorgängen. Deshalb werden wir uns darauf konzentrieren und sicherstellen, dass Sie Ihre wichtige Arbeit für dieses Land ungestört fortsetzen können.

(Beifall bei der CDU/CSU)

Meine sehr verehrten Damen und Herren, es war natürlich auch wichtig, dass der Staat geholfen hat. Wir haben mit mehreren Hundert Milliarden Euro, die Sie als Parlament in zwei Nachtragshaushalten und jetzt in diesem Haushalt beschlossen haben, dafür gesorgt, dass Soforthilfen, Überbrückungshilfen, Kurzarbeitergeld, Kredite der KfW, Kredite aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds und das Konjunkturprogramm möglich geworden sind.

Es wird dann in der Diskussion – ich warte ja nur darauf, bis der geschätzte Kollege Houben das Wort ergreift – immer wieder mit tragender und bebender Stimme gesagt: Aber die Marktwirtschaft! – Meine sehr verehrten Damen und Herren, als jemand, der sein Leben lang für die soziale Marktwirtschaft eingetreten ist, kann ich Ihnen nur sagen: Die soziale Marktwirtschaft ist in dieser Pandemie nicht durch das Handeln der Bundesregierung gefährdet worden; sie ist durch ein Virus gefährdet worden, das große Teile der Regeln der sozialen Marktwirtschaft außer Kraft gesetzt hat.

Die Marktwirtschaft kann nur funktionieren, wenn es Hunderttausende von Unternehmerinnen und Unternehmern gibt, die sich jeden Tag dem Wettbewerb stellen, die sich dafür einsetzen, besser zu sein als andere, die sich dafür einsetzen, ihr Ergebnis zu steigern, neue Mitarbeiter einzustellen. Aber wenn es keinen Wettbewerb gibt, weil es keine Umsätze gibt, weil die Geschäfte geschlossen sind,

(Enrico Komning [AfD]: Warum sind sie denn geschlossen? Weil Sie sie geschlossen haben!)

dann können auch die Regeln der Marktwirtschaft in diesen Fällen nicht wirken.

Deshalb, meine Damen und Herren: Ja, wir haben uns mit unseren Hilfen auch dafür eingesetzt, dass wir wirtschaftlich auf die Beine kommen; aber wir haben uns ebenso dafür eingesetzt, dass die Marktwirtschaft wieder greifen kann. Wir haben uns dafür eingesetzt, unseren Mittelstand und unsere Mittelschicht zu erhalten, zu verhindern, dass sie in die Knie gehen und dass am Ende ein anderes Land dasteht. Wir haben dafür gekämpft, die kulturelle Identität unseres Landes zu erhalten. Dazu gehören eben nicht nur die großen Supermärkte und nicht nur die großen Fast-Food-Ketten; dazu gehören die Eckkneipen, die Schuhgeschäfte, die Blumenläden, die Currywurstbuden und vieles andere mehr. Ich glaube, dass es richtig ist, dass wir Wirtschaftspolitik in diesem umfassenden Sinne begreifen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir haben die Zukunftsaufgaben nicht vernachlässigt. 30 Milliarden Euro setzen wir ein, um unsere Industrie bei den notwendigen Transformationen zu unterstützen, gerade auch Automobilindustrie und Zulieferer. Wir setzen Geld ein, um die Digitalisierung voranzubringen. Wir setzen Geld ein, um die Energiewende zu stabilisieren.

Selbstverständlich beschäftigen wir uns eben auch mit der Frage, wie Klimaschutz unter den Bedingungen der Pandemie gelingen kann. Ich bedanke mich bei allen, die deutlich gemacht haben – das war jedenfalls bei allen Fraktionen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, der Fall –, dass bei allen großen Herausforderungen des wirtschaftlichen Wiederaufschwungs, der Bekämpfung der Pandemie eines klar sein muss: Wir fühlen uns an die gemeinsamen Ziele im Klimaschutz gebunden. Wir werden das nicht unterbrechen, und wir werden das nicht relativieren. Diese Botschaft möchte ich heute gerne noch einmal unterstreichen.

(Beifall bei der CDU/CSU)

Wir wollen, dass wir in einem globalen Wettbewerb als deutsche Volkswirtschaft auch zukünftig erfolgreich sind. Wir wollen, dass auch künftig die besten Autos in Deutschland gebaut werden. Wir wollen, dass in Zukunft der beste Stahl in Deutschland produziert wird. Aber wir wollen zeigen, dass dies nicht zulasten des Klimas und der Umwelt gehen kann, dass es möglich sein wird, klimaneutralen Stahl zu produzieren, dass es möglich sein wird, klimaneutrale individuelle Mobilität zu organisieren, dass es möglich sein wird, zivile Luftfahrt klimaneutral zu organisieren, dass es möglich sein wird, unser Lebensmodell fortzuführen, auf das so viele Menschen stolz sind und das dazu beigetragen hat, dass sie die Demokratie als etwas Erfolgreiches empfinden und erfahren. Wir wollen zeigen, dass dieses Lebensmodell auch in der Zukunft fortbestehen kann.

Ich habe vor einigen Wochen einen Vorschlag auf den Tisch gelegt, und ich werde dazu in den nächsten Wochen mit vielen von Ihnen hier in diesem Hohen Haus darüber Gespräche führen, ob wir es schaffen können, noch vor der nächsten Bundestagswahl einen großen, einen fraktionsübergreifenden Konsens zustande zu bringen, worin wir deutlich machen, dass der Klimaschutz für uns einen Vorrang und eine Priorität hat.

Aber das wird nur gelingen, wenn wir Klimaschutz nicht gegen Wirtschaft ausspielen, wenn wir Arbeitsplätze nicht für schlecht erklären, nur weil die Industrien, um die es geht, vielleicht CO

(Beifall bei der CDU/CSU)

Für diesen Kompromiss müssen wir bereit sein, über unsere Schatten zu springen. Dann werden wir auch die Gewissheit haben, wie der Transformationsprozess gestaltet werden kann. Das wird eine wichtige Botschaft an die Menschen sein, die sich fragen, ob sie auch in 30 Jahren über gute Umwelt- und Lebensumstände verfügen. Es wird aber auch eine klare Botschaft sein an Millionen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, dass Deutschland auch unter den Voraussetzungen von Klimaneutralität spätestens im Jahre 2050 ein lebenswertes, ein leistungsfähiges und ein wohlhabendes Land bleiben kann. Dafür lohnt sich jeder Einsatz.

Vielen Dank.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)

Das Wort hat der Abgeordnete Volker Münz für die AfD-Fraktion.

(Beifall bei der AfD)


Daten
Quelle Deutscher Bundestag, Nutzungsbedingungen
Quellenangabe Deutscher Bundestag via Open Parliament TV
Abgerufen von http://dbtg.tv/fvid/7473803
Wahlperiode 19
Sitzung 180
Tagesordnungspunkt Wirtschaft und Energie
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