09.10.2020 | Deutscher Bundestag / 19. WP / Sitzung 184 / Zusatzpunkt 11

Gitta ConnemannCDU/CSU - Gedenken an die Opfer des deutschen Vernichtungskriegs

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Herr Präsident! Meine Damen und Herren! „ Het was een hel“, es war die Hölle, so beschrieb unsere niederländische Großmutter den niederländischen Hungerwinter 1944. Menschen aßen Tulpenzwiebeln, um zu überleben. Zehntausende schafften es nicht; sie verhungerten. Mit dem Entzug von Lebensmitteln bestraften Nationalsozialisten die Niederländer, weil sie streikten. Aber wer weiß das noch? Das Vergessen droht, und deshalb wollen wir als Große Koalition ein Dokumentations- und Bildungszentrum Zweiter Weltkrieg.

Jetzt werden manche wieder mit den Augen rollen: Zweiter Weltkrieg, nicht schon wieder. Muss das wirklich sein? Das haben wir doch in der Schule rauf- und runtergebetet. – Ja, aber das Vergessen droht trotzdem. Am Volkstrauertag stehen nur noch kleine Gruppen vor den Kriegsdenkmälern, und die Zeitzeugen sterben. Deshalb brauchen wir ein Dokumentations- und Bildungszentrum Zweiter Weltkrieg. Wir brauchen es, um zu lernen und nicht zu vergessen.

(Beifall bei der CDU/CSU)

Wie wertvoll Zeitdokumente sind, zeigt uns das Tagebuch der Anne Frank. Wer kennt es nicht? Wer hat nicht Anteil genommen an ihrem Schicksal, an ihrer ersten Liebe, an ihrer Sehnsucht nach Luft, nach Lachen, an ihrem frühen, sinnlosen Tod? Anne Frank hat ein einmaliges Zeitzeugnis geschrieben. Ihr Tagebuch ist ein erschütterndes Symbol für den Genozid an den Jüdinnen und Juden in Europa. Ihre Geschichte wirkt bis heute, so wie auch die Folgen der Shoah bis heute wirken. Es ist auch eine Geschichte für heute. Oder, um es mit Primo Levi zu sagen, einem der Überlebenden von Auschwitz: „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.“ Mit dem Tagebuch erhält das Schicksal von Millionen Menschen nicht nur eine Stimme, sondern auch ein Gesicht. Nur so lässt sich den Millionen Namenlosen, den gewaltsam ausgelöschten Jüdinnen und Juden wieder ein Gesicht geben. Nur so werden aus „Niemanden“ wieder „Jemande“.

Der Zweite Weltkrieg steht darüber hinaus für unzählige weitere namenlose Opfer. Über 60 Millionen Menschen verloren ihr Leben. Sie wurden Opfer eines brutalen Vernichtungskrieges und einer rassistischen Lebensraumideologie.

Mit Beginn der deutschen Besatzung im September 1939 wurde Polen zum ideologischen Experimentierfeld. Die polnische Bevölkerung hat unvorstellbar gelitten. Hunderte von Dörfern standen in Flammen. Vergewaltigungen, öffentliche Hinrichtungen und Plünderungen waren brutaler Alltag im nationalsozialistischen Terror. Polen wurde zum „Wartezimmer für den Völkermord“.

Aber ist uns das heute noch bewusst? Wissen wir, dass der deutsche Vernichtungskrieg Zerstörung, Verwüstung, Elend auch über weitere Länder brachte, auch über Osteuropa, über die Sowjetunion, über die Bevölkerung des heutigen Belarus und der Ukraine? Ist uns das Ausmaß heute noch bewusst? Die Ukraine verlor im Zweiten Weltkrieg ein Viertel ihrer Bevölkerung. An 1 500 Orten wurden Opfer hingerichtet und dann anonym vor Ort verscharrt. Wissen wir das heute noch?

Wie lange werden wir uns noch an die deutsche Hungerstrategie in Griechenland erinnern? Der barbarische Entzug von Lebensmitteln kostete bis zu 360 000 Griechinnen und Griechen das Leben.

Meine Damen und Herren, Millionen Soldaten starben. Sie wurden auf den Schlachtfeldern zu Kanonenfutter. Stellvertretend nenne ich Stalingrad. Sechs Monate wütete diese unfassbare Menschen- und Materialschlacht. Bei eisigen Temperaturen fanden Hunderttausende Menschen einen sinnlosen Tod, auf beiden Seiten. Die Opferzahlen werden viele von uns noch kennen, aber die konkreten Umstände, die für das einzelne Individuum, das Opfer den Unterschied ausmachten zwischen Krepieren und Sterben?

Bombenangriffe, Deportationen, Hunger, Misshandlungen, Vertreibung, Zwangsarbeit – der Zweite Weltkrieg hat tiefste Spuren hinterlassen, familiär, politisch, landschaftlich, Spuren, die auch noch ein Dreivierteljahrhundert später sichtbar sind. Aber versteht sie noch jeder von uns?

Deshalb wollen wir in der Großen Koalition und als CDU/CSU-Bundestagsfraktion ein Dokumentations- und Bildungszentrum Zweiter Weltkrieg. Das Konzept soll von einer Arbeitsgruppe von Fachleuten erarbeitet werden, ohne politische Beteiligung. Welche Herausforderung dies darstellt, haben die letzten sechs Monaten der Antragserarbeitung gezeigt. Es gab Versuche der Einflussnahme durch sehr unterschiedliche Kräfte.

Wir wollen Geschichten und Geschichte verstehen, die Geschichten der Opfer, aber auch die der Menschen, die zu Tätern wurden. Was veranlasste einen bis dahin vollkommen normalen Bürger, eine Pistole zu entsichern und einen Juden oder einen Balten in der freien Landschaft zu exekutieren oder aber zu entscheiden, andere Menschen auszuhungern? Welche Lehren ziehen wir daraus? Die Geschichte zeigt: Menschen tragen beides in sich, Täter und Opfer. Es ist eine Entscheidung, ob wir Täter werden. Es ist unsere Entscheidung. Es ist eine Entscheidung, wie wir Gegenwart und Zukunft gestalten. Aber dafür müssen wir die Strukturen kennen. Dieses Wissen bietet uns die Möglichkeit, eine Haltung einzunehmen und danach zu handeln: Nie wieder!

(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und der FDP)

Nächster Redner ist der Kollege Dr. Marc Jongen, AfD.

(Beifall bei der AfD)


Daten
Quelle Deutscher Bundestag, Nutzungsbedingungen
Quellenangabe Deutscher Bundestag via Open Parliament TV
Abgerufen von http://dbtg.tv/fvid/7476116
Wahlperiode 19
Sitzung 184
Tagesordnungspunkt Gedenken an die Opfer des deutschen Vernichtungskriegs
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