25.06.2021 | Deutscher Bundestag / 19. WP / Sitzung 237 / Tagesordnungspunkt 37

Thomas HackerFDP - Förderung der Kulturarbeit gem. BVFG

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Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Befassung mit der Kulturarbeit nach dem Bundesvertriebenengesetz ist immer mehr als nur eine reine Bestandsaufnahme. Sie ist ein Zeugnis über unser eigenes geschichtliches Bewusstsein und Maß für die Bereitschaft, aus der Vergangenheit und für die Gegenwart zu lernen.

Seit dem letzten Bericht der Bundesregierung hat sich unsere Welt fundamental verändert. Noch immer spüren wir die Auswirkungen einer Pandemie, die unsere Arbeit für Versöhnung und Zusammenhalt auf eine der härtesten Bewährungsproben stellt. Auch deswegen brauchen wir Zeichen – sichtbare Zeichen, Zeichen des Miteinanders, des Aufeinanderzugehens, Zeichen der Versöhnung. Umso erfreulicher ist die nun endlich möglich gewordene Eröffnung des Dokumentationszentrums Flucht, Vertreibung, Versöhnung an diesem Montag. Das kann so ein Zeichen sein.

Flucht, Vertreibung, Versöhnung – diese drei Worte wiegen schwer. Sie lösen bei jedem von uns unterschiedliche Impulse aus, geben aber auch eine klare Orientierung, was Kulturarbeit heute leisten muss. Flucht und Vertreibung sind der Blick zurück – der Blick auf ein vergangenes Leben an einem anderen Ort, auf Schicksalsschläge und die gleichzeitige Hoffnung auf ein besseres Leben fernab der Heimat. Versöhnung ist der Blick nach vorne. Wie können wir unseren inneren Frieden mit uns selbst und mit anderen finden?

Das neue Dokumentationszentrum ist kein Museum – zu Recht. Zu Recht will es zur Forschung, zur Diskussion und zur Auseinandersetzung einladen. Gerade angesichts der vielen Parallelen zur Gegenwart muss dies der Anspruch einer aktiven und sinnstiftenden Kulturarbeit sein. Der Direktorin der Stiftung, Frau Bavendamm, kann ich für diese Herkulesaufgabe nur den bestmöglichen Erfolg wünschen.

Flucht und Vertreibung sind keine Phänomene der Vergangenheit. Sie sind hochaktuell, politisch brisant und weltweite Herausforderungen. Flucht und Vertreibung im 21. Jahrhundert lassen sich nicht mit nationalen Alleingängen begegnen, sondern nur mit gemeinsamer Entschiedenheit eines vereinten Europas.

(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des Abg. Erhard Grundl [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

Zugleich müssen wir Geduld beweisen. Versöhnung braucht ihre Zeit, manchmal auch über Generationen. Sie braucht Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Nur wenn wir über Jahrhunderte gewachsenes Misstrauen überwinden, können wir auch wieder zueinanderfinden. Wir müssen uns dabei bewusst sein, dass dies kein geradliniger Prozess ist. Gute Nachbarschaft ist kein Automatismus, sondern erfordert die Fähigkeit, auf die Bedürfnisse und Sorgen des anderen einzugehen und darauf klug zu reagieren. Die Debatte hat gezeigt: Hier gibt es offenkundig auch in diesem Hause noch viel zu tun.

(Marianne Schieder [SPD]: Ja!)

Diese Versöhnungsarbeit der nach dem Zweiten Weltkrieg Vertriebenen kann nicht oft genug hervorgehoben werden und ist Beispiel für uns heute. Genau deswegen leistet die Kulturarbeit nach dem Bundesvertriebenengesetz eine wertvolle Arbeit. Sie ist eine Investition in unsere Gesellschaft, in unsere Demokratie.

(Beifall bei der FDP)

Wir dürfen Kulturarbeit nicht dogmatisch verstehen, sondern im Verständnis für das Gemeinsame. Die Vertriebenen, die einst aus Ostpreußen oder dem Sudetenland in die Bundesrepublik kamen, taten dies mit dem gleichen Schmerz des Verlustes, wie ihn heute die Menschen aus Syrien, Afghanistan oder der Subsahara fühlen: dem Verlust von Heimat, Wurzeln, Traditionen und der Herausforderung, vollkommen neu anzufangen an einem Ort, der ihnen so fremd ist wie sie seinen Bewohnern.

Ich bleibe dabei: Wir dürfen nicht nachlassen, ein Klima der Verständigung zu schaffen – im Aufeinanderzugehen, aber auch im kritischen Hinterfragen und offenen Diskurs. Ich bin sicher, liebe Kolleginnen und Kollegen, unsere Demokratie und unsere Gesellschaft können das aushalten.

Danke.

(Beifall bei der FDP, der CDU/CSU und der SPD)

Das Wort hat die Kollegin Simone Barrientos für die Fraktion Die Linke.

(Beifall bei der LINKEN)


Daten
Quelle Deutscher Bundestag, Nutzungsbedingungen
Quellenangabe Deutscher Bundestag via Open Parliament TV
Abgerufen von http://dbtg.tv/fvid/7530900
Wahlperiode 19
Sitzung 237
Tagesordnungspunkt Förderung der Kulturarbeit gem. BVFG
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