Nicole BauerFDP - Gleichstellungsbericht der Bundesregierung
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Kennen Sie Tijen Onaran, Anabel Ternès oder Constanze Buchheim? Sie sind maßgebliche Mitgestalterinnen der digitalen Szene in Deutschland. Constanze Buchheim, die Unternehmerin der ersten Stunde deutscher Digitalwirtschaft, gründete 2009 i‑potentials, eine vielfach ausgezeichnete Personalberatung für digitale Spitzenpositionen. Die Professorin und Zukunftsforschende Anabel Ternès ist einer der führenden Köpfe für nachhaltige und digitale Bildung. Tijen Onaran vernetzt in der Initiative „Global Digital Women“ digitale Gestalterinnen miteinander und macht diese sichtbar. Sie zeigt uns starke Role Models und ist selbst eines davon. Denn nur wer sichtbar ist, findet auch statt. Und genau deshalb brauchen wir viel mehr weibliche Vorbilder in der digitalen Szene.
(Beifall bei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Dorothee Bär [CDU/CSU])
Denn dort wird die Zukunft unseres Landes gestaltet, und da sollten Frauen mitwirken, mitentscheiden und mitentwickeln.
Mit nur 16 Prozent Frauenanteil ist die Digitalbranche weit davon entfernt. Deshalb bin ich froh, dass wir hier und heute mit dem Dritten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung auf dieses Thema aufmerksam machen. Denn es ist Zeit, etwas zu verändern, weiblicher und vielfältiger zu werden. Diversity schafft einfach mehr Perspektiven, Kreativität und bessere Lösungsansätze. Nutzen wir also die Chance für den digitalen Wandel, entwickeln wir die besten Lösungen für Zukunftstechnologien, und bleiben wir international wettbewerbsfähig. Frauen sind der Business Case, meine Damen und Herren.
(Beifall bei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Also, was können wir tun?
Erstens: auf frühe MINT-Bildung und einen Kulturwandel setzen. Wir wissen, dass geschlechtsspezifische Stereotypen bereits im Alter von sechs Jahren verinnerlicht werden. Deshalb gilt es, früh anzusetzen und MINT-Programme in der frühkindlichen Bildung zu verankern. Ich weiß es selbst, wie prägend es ist, als Mädchen den technischen Zugang ermöglicht zu bekommen. So fand ich auch persönlich meinen Weg in einen MINT-Beruf, als Ingenieurin, und entdeckte meine Leidenschaft für Innovationen – leider mit viel zu wenigen Frauen um mich herum, vor allem, wenn es im Karriereweg weiter nach oben ging. Deshalb brauchen wir einen Kulturwandel für mehr Frauen auf Topmanagementebene. Und die Zauberformel lautet dabei nicht „Fix the Women“, sondern „Fix the Company“.
(Beifall bei Abgeordneten der FDP, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Zweitens brauchen wir viel mehr Frauen bei Techgründungen; denn noch gründen Frauen wesentlich weniger. Auch erkennen Investoren noch nicht das Potenzial der Frauen – wegen unbewusster Vorurteile und veralteter Rollenbilder. Unser Ziel muss es sein, die berufliche Selbstständigkeit von Frauen zu fördern, ihre Selbstverwirklichung in der digitalen Branche voranzutreiben und einen fairen Zugang zu Gründungs- und Wagniskapital zu schaffen. Und wir brauchen viel mehr Business Angels. All das haben wir in unserem Koalitionsvertrag. Und wir wären wirklich gut beraten, wenn wir dies in die Tat umsetzten.
Drittens brauchen wir viel mehr individuelle Freiheit und eine moderne Arbeitswelt; denn nicht nur die Coronapandemie hat gezeigt, wie wichtig es ist, mehr berufliche Flexibilität zu haben, um Erwerbsarbeit und Care-Arbeit unter einen Hut zu bringen. Zeitlich und örtlich unabhängiges mobiles Arbeiten hilft dabei. Selbstverständlich wird deshalb nicht automatisch die unbezahlte Sorgearbeit besser zwischen den Geschlechtern aufgeteilt. Doch es schafft eine neue Möglichkeit, auch innerhalb der Partnerschaft den Gender-Care-Share neu zu verhandeln. Machen wir uns das klar, und verabschieden wir uns ganz klar von überholter Präsenzkultur in den Unternehmen, veralteten Rollenbildern und Vorurteilen, meine Damen und Herren.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Eine Sache liegt mir als Liberale ganz besonders am Herzen, wenn wir heute über Digitalisierung sprechen, nämlich die geschlechtsbezogene digitale Gewalt entschlossen zu bekämpfen. Jeden Tag werden Mädchen und Frauen Opfer digitaler Straftaten. Laut „Welt-Mädchenbericht 2020“ von Plan International sind 58 Prozent der Mädchen, in Deutschland sogar 70 Prozent der Mädchen Bedrohungen, sexistischen Kommentaren und Beleidigungen und Diskriminierungen im Netz ausgesetzt. Das schüchtert ein – und viele schweigen danach. Das dürfen wir nicht zulassen, meine Kolleginnen und Kollegen.
(Beifall bei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)
Genau deshalb ist es für uns als Freie Demokraten klar und eine besondere Herzensangelegenheit, die Istanbul-Konvention auch mit Blick auf den Schutz von Mädchen und Frauen im digitalen Bereich umzusetzen. Überlassen wir diesen Bereich nicht den Hetzern und Hatern.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN)
Ja, die Digitalisierung bietet Chancen und Herausforderungen zugleich. Die digitale Transformation eröffnet neue Spielräume in der Arbeitswelt im Allgemeinen, beim persönlichen Aufstieg, bei der Work-Life-Balance, bei der fairen Chancenverwirklichung der Geschlechter. Und eins ist klar: Wir fürchten diesen Fortschritt nicht, sondern wir wollen ihn ganz klar gemeinsam gestalten – Männer und Frauen gemeinsam.
Herzlichen Dank.
(Beifall bei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Es folgt für die Fraktion Die Linke die Kollegin Heidi Reichinnek.
(Beifall bei der LINKEN)
Quelle | Deutscher Bundestag, Nutzungsbedingungen |
Quellenangabe | Deutscher Bundestag via Open Parliament TV |
Abgerufen von | http://dbtg.tv/fvid/7535210 |
Wahlperiode | 20 |
Sitzung | 28 |
Tagesordnungspunkt | Gleichstellungsbericht der Bundesregierung |