18.10.2023 | Deutscher Bundestag / 20. WP / Sitzung 130 / Tagesordnungspunkt 6

Alexander FöhrCDU/CSU - Genderideologie

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Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Bei der AfD stellt sich die Frage, ob das ermüdende Wiederholen der Antigenderstereotype aus Unwissenheit, aus Überzeugung oder aus Kalkül erfolgt.

(Beatrix von Storch [AfD]: Überzeugung!)

Wahrscheinlich ist es eine unglückselige Kombination aus allem.

(Beifall bei der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP)

Quer durch Ihre öffentlichen Statements und auch durch den vorliegenden Antrag zieht sich die Behauptung, der biologische Unterschied zwischen Mann und Frau werde in unserem Land geleugnet. Macht man sich die Mühe, Ihre eigenen Quellenangaben zum Antrag zu überprüfen, findet sich hier genau dies jedoch nicht. Vielleicht haben Sie auch deswegen versucht, den Antrag so lange wie möglich zurückzuhalten.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Sowohl der Inhalt als auch Ihre Verzögerungstaktik machen es schwer, Sie bei diesem Thema wirklich ernst zu nehmen.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Laura Kraft [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

Besondere Angst scheinen Sie vor der Vielfalt an Studiengängen zu haben. Dabei ist es nicht der Staat, der über das Lehrangebot der Universitäten entscheidet. Dieser Staat, den Sie so gerne kritisieren, finanziert Wissenschaft, ohne Bedingungen zu stellen, und schafft gerade dadurch Unabhängigkeit.

(Dr. Götz Frömming [AfD]: Stimmt nicht!)

Diese Wissenschaftsfreiheit, die nach Ihren Äußerungen in größter Gefahr ist, gilt weltweit als vorbildlich.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Abg. Ye-One Rhie [SPD])

Diese Wissenschaftsfreiheit bringt auch Verantwortung mit sich. Kommen Universitäten dieser Verantwortung nicht vollumfänglich nach, löst dies in Deutschland zu Recht Empörung aus, Empörung, die Sie jedoch für Ihre wissenschaftsfeindliche Politik instrumentalisieren.

Dabei stehen der biologische Unterschied zwischen Mann und Frau und die Existenz von Intersexualität in der Wissenschaft nicht zur Disposition. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Von Geburt an haben alle Menschen ein X- oder ein Y-Chromosom und infolgedessen über 99 Prozent eine klare biologische Geschlechterzuordnung. Doch die Annahme, das biologische Geschlecht lege schon fest, wie jemand zu leben habe, führt in der Gesellschaft zu Diskriminierung und den Einzelnen ins Unglück.

Die Erforschung der Zusammenhänge von Geschlechter- und Gesellschaftsordnungen an den Universitäten zeigt das auch wissenschaftlich. Die Komplexität von Biologie, sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität darf nicht geleugnet werden,

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP und der Abg. Maria Klein-Schmeink [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

und genau das macht der Antrag der AfD.

Und dabei ist noch nicht mal klar, was Sie eigentlich wollen. Was soll es etwa bedeuten, wenn Sie fordern, dass „traditionelle Geschlechterrollen“ nicht mehr infrage gestellt werden sollen? Auf welche Traditionen berufen Sie sich? Widersprechen schon basketball- oder fußballspielende Frauen Ihrer traditionellen Geschlechterrolle? Sollten sich Frauen in der Tradition der russischen Zarin Katharina, der japanischen Herrscherin Himiko, der deutschen Kanzlerin Merkel

(Dr. Götz Frömming [AfD]: Bis zu Helmut Kohl!)

oder doch lieber einer Gefährtin von Arminius im Teutoburger Wald sehen? Ich befürchte, dass ich Ihre Antwort bereits kenne.

(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN)

Ist es wirklich so, dass Unterschiede bei den Geschlechtern in Deutschland staatlich verordnet aufgehoben werden, wie Sie behaupten? Werden Erziehungsrechte, Werte und Vorstellungen von Eltern in Deutschland wirklich missachtet, wie Sie in Ihrem Antrag schreiben?

(Nicole Höchst [AfD]: Ja!)

Welches Vertrauen haben Sie in Lehrer und Schüler, wenn schon die Information über sexuelle Diversität als schädlich für die gesunde Entwicklung zurückgewiesen wird?

(Dr. Götz Frömming [AfD]: Geschlechtsumwandlungen gegen den Willen der Eltern findet die CDU gut!)

Ist es nicht vielmehr so, dass Sie bedauerliche, wenn auch ernstzunehmende Einzelfälle zu einem Versagen des Systems hochstilisieren, weil Ihnen die politische und pädagogische Umsetzung der Geschlechtergerechtigkeit zuwiderläuft? Auf die Art und Weise, wie Sie die Geschlechterdebatte führen, konstruieren Sie Bedrohungen und Feindbilder.

(Beifall bei der CDU/CSU, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Und leider erleichtert die Ampelregierung es Ihnen mit ihren fragwürdigen Ideen für ein Selbstbestimmungsgesetz, solche falschen Geschichten zu erzählen.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Widerspruch beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Dr. Götz Frömming [AfD]: Woher kommt das denn?)

Unsere Politik beruht auf christlichen Werten. Sie ist inklusiv, gegen eine Instrumentalisierung des Menschen und für seine freie Entfaltung.

(Beifall bei der CDU/CSU)

Die Union hat keine Angst vor Veränderungen der Gesellschaft. Auch das unterscheidet uns echte Konservative von Ewiggestrigen wie Ihnen.

(Beifall bei der CDU/CSU)

Denn konservativ sein, heißt nicht, einen Status quo zu zementieren und andere auszugrenzen. Ziel von uns Konservativen ist die konstante Verbesserung des Bestehenden und die Anpassung der sich wandelnden Umstände an die Bedürfnisse der Gesellschaft. Wir vertrauen auf die Wissenschaft und bekämpfen sie nicht.

(Beifall bei der CDU/CSU)

Erlauben Sie eine Zwischenfrage aus der AfD-Fraktion?

Die wird bestimmt ganz hervorragend. – Natürlich.

Herr Dr. Jongen.

Danke, Herr Föhr, dass Sie die Zwischenfrage zulassen. – Wir verstehen jetzt hier die Strategie der CDU, sich in der Mitte zu positionieren, zwischen zwei unvernünftigen Positionen, wie Sie es darstellen, nämlich der der Grünen und der Ampel sowie der der AfD. Aber so einfach kommen Sie uns nicht davon.

Sie haben davon gesprochen, dass es sich hier um Ignoranz oder um ein strategisches Kalkül handelt, und das möchte ich Ihnen als CDU – Sie und auch Frau Dr. Gräßle haben ja ähnlich argumentiert – jetzt wirklich sagen: Sie bringen hier als Beispiel typischerweise, wie immer, die Forschung über die Rolle der Geschlechter in der Arbeitswelt oder in der Medizin und erwähnen, welche verschiedenen Ansätze es hier gibt. Das ist definitiv nicht die Genderideologie, und das müssen Sie doch bitte schön auch wissen.

(Beifall der Abg. Dr. Götz Frömming [AfD] – Gabriele Katzmarek [SPD]: Nicht zu fassen!)

Genderideologie bedeutet – und das haben wir in unserem Antrag dargestellt – das Leugnen genau dieser X/Y-Unterschiede, die Sie zu Recht zitiert haben.

(Laura Kraft [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wo ist die Frage?)

Das ist Genderideologie, und daraus folgt dann eben auch so ein Gesetz wie dieses Selbstbestimmungsgesetz, mit dem es jungen Leuten erlaubt wird, gegen den deklarierten Willen der Eltern ihr biologisches Geschlecht zu ändern, weil ja doch das soziale Geschlecht alles dominiert. Das ist diese aggressive Genderideologie.

(Gabriele Katzmarek [SPD]: Keine Redezeit gekriegt! – Laura Kraft [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Melden Sie doch Redezeit bei Ihrer Fraktion an! Meine Güte!)

Sie werden mit dieser seltsamen Zwischenposition zu keinem Ergebnis kommen.

(Stephan Albani [CDU/CSU]: Frage! – Thomas Jarzombek [CDU/CSU]: Ist das eine weitere Plenarrede, Frau Präsidentin? Bei allem Respekt, aber!)

Sie werden sich damit der grünen und der linken Position unterordnen.

Verstehen Sie das nicht, oder geht es Ihnen hier um die Irreführung der Öffentlichkeit?

(Beifall bei der AfD)

Wissen Sie, was, glaube ich, Sie nicht verstehen? Ich bin unter anderem Vater von zwei Töchtern. Wenn ich Ihren Antrag, dieses krude Geschreibsel, was Sie da zusammengetragen haben, durchlese, werde ich einfach, muss ich sagen, nur noch stinksauer, weil ich als Vater von zwei Töchtern will, dass meine Töchter ihren Weg gehen können. Und es ist völlig egal, ob sie Astronautin werden wollen, ob sie mal Rennfahrerin werden wollen, welchen Weg sie in dieser Gesellschaft gehen. Das ist für mich eine völlig freie Wahl meiner Töchter.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP – Dr. Götz Frömming [AfD]: Sollen sie sich umoperieren lassen?)

Was Sie hier reinschreiben, ist schlicht und ergreifend frauenfeindlich, und wir werden das an dieser Stelle nicht akzeptieren.

(Beifall bei der CDU/CSU – Dr. Götz Frömming [AfD]: Das ist überhaupt nicht frauenfeindlich! Frauenfeindlich ist, wenn Männer in die Frauenkabine gehen! – Gegenruf von der SPD: Vielleicht reden Sie mal mit Ihrer Frau darüber!)

– Offenbar kommen wir miteinander nicht auf einen grünen Zweig.

Abschließend, werte Kolleginnen und Kollegen: Wir können im Gegensatz zu Ihnen und leider auch so manchem linken Ideologen zwischen Biologie, Soziologie und Psychologie unterscheiden, ohne eines davon zu negieren.

(Beifall bei der CDU/CSU)

Konservativ sein, heißt Widerstand gegen jeden Radikalismus von links wie von rechts.

Und sehr geehrte Abgeordnete der AfD-Fraktion, nicht unsere Lehrer und Wissenschaftler sind eine Gefahr für die Gesellschaft, sondern Sie mit Ihrer spalterischen Politik.

Vielen Dank.

(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP)

Die nächste Rednerin ist für Bündnis 90/Die Grünen Laura Kraft.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP)


Daten
Quelle Deutscher Bundestag, Nutzungsbedingungen
Quellenangabe Deutscher Bundestag via Open Parliament TV
Abgerufen von http://dbtg.tv/fvid/7602202
Wahlperiode 20
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Tagesordnungspunkt Genderideologie
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