Robin MesaroschSPD - Energieversorgung Deutschlands
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! 90 000 Haushalte in Mexiko hatten vorgestern Stromausfall, aber nicht wegen Windrädern oder Solaranlagen, sondern wegen des Hurrikans „Milton“. Heute Nacht riss er in den USA mit über 270 Stundenkilometern Häuser auseinander; er setzte Städte unter Wasser, zerstörte Existenzen, tötete Menschen. Millionen Amerikaner haben ihre Heimat verlassen und harren in diesem Moment irgendwo aus, wo sie eigentlich nicht sein wollen, während wir hier sprechen. Worüber sprechen wir? Die AfD legt, während der brutalste Hurrikan der letzten hundert Jahre tobt, einen Antrag vor:
(Zuruf des Abg. Stephan Brandner [AfD])
Wir sollen wieder mehr Kohle verbrennen und mit den Erneuerbaren aufhören.
Ich finde es erstaunlich: Wenn ein Migrant etwas klaut, dann sind für die AfD Millionen rechtschaffener Leute derselben Herkunft allesamt Diebe; aber in Naturkatastrophen sollte man bloß nicht zu viel reininterpretieren. Die AfD erzählt uns, sie – und nur sie – nehme unsere Ängste ernst, aber die Angst vor dem Klimawandel sei natürlich Quatsch. Spricht die AfD über Windkraft und Solarenergie, dann kann das alles nie funktionieren wegen der Physik. Wenn uns Physiker aber sagen: „CO2 in der Luft erwärmt unsere Atmosphäre, weil es die Wärmestrahlung aufhält, und warme Luft nimmt mehr Wasser auf als kalte, und das Wasser in der Luft muss auch wieder irgendwohin; also bekommen wir mit mehr CO2 immer brutalere Unwetter“, dann sind sie für die AfD plötzlich keine Physiker mehr, sondern woke Systemlinge.
(Stephan Brandner [AfD]: Sind Sie denn Physiker? Oder was haben Sie gelernt?)
Mit dem Antrag heute fächelt die AfD zukünftigen Hurrikans Luft zu.
(Zuruf von der AfD: Ah ja!)
Die Antwort der AfD auf die Überschwemmungen im Ahrtal, an der Donau und an der Elbe scheint zu sein: mehr Überschwemmungen.
(Stephan Brandner [AfD]: Das Spiel mit der Angst der Bevölkerung!)
Das ist das Zynischste, aber nicht das einzig Absurde an diesem Antrag.
Die AfD beklagt, dass Energie teuer ist. Darum schlägt sie vor, dass wir mehr deutsche Braunkohle verbrennen. Das ist ein bisschen so, als wenn man sagt: Mein Golf ist mir zu teuer, ich kaufe mir einen Porsche. Jetzt werden die Kollegen von der FDP sagen: „Das ist normal“,
(Heiterkeit und Beifall bei Abgeordneten der SPD und der FDP)
aber alle anderen wissen: Porsche und Braunkohle sind teuer, Erneuerbare und Golf sind günstig. – Sorry! Nicht sorry; egal!
Die AfD beklagt, dass wir keine erneuerbaren Energien mehr fördern sollen.
(Stephan Brandner [AfD]: Das beklagen wir nicht, das wollen wir!)
Stattdessen will sie Atomkraftwerke. Greenpeace hat mal konservativ ausgerechnet: In Deutschland wurde die Atomindustrie seit 1950 mit ungefähr 250 Milliarden Euro gefördert. Die immensen Kosten für Endlager und vieles mehr sind da noch gar nicht mit drin. Auf den Punkt: Strom erzeugen wir mit Sonne und Wind deutlich günstiger als mit Braunkohle und Brennstäben. Die Vorschläge der AfD würden unsere Energie teurer machen, und zwar für jeden.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Ebenfalls interessant: Die AfD schreibt in ihrem Antrag: Wir dürfen uns bei den Bauteilen von Solar- und Windkraftanlagen nicht vom Ausland abhängig machen. Die AfD schlägt aber auch den großen Einstieg in die Atomkraft vor.
(Abg. Dr. Malte Kaufmann [AfD] meldet sich zu einer Zwischenfrage)
Ich frage Sie – Sie brauchen mich nicht zu fragen; ich nehme Sie nicht dran –: Kommen die Brennstäbe dann aus dem Fichtelgebirge? Ich glaube, die Leute in Sachsen und Thüringen interessiert es, wo das herkommt. Kommt das wieder aus Russland? Und wenn wir dabei sind: Wo stellen Sie die ganzen Atomkraftwerke hin? Sie kriegen ja schon bei einem Windkraftrad Schnappatmung! Wo kommen die Endlager hin? Sie müssen hier nicht nur irgendwas reintröten, sondern Deutschland braucht Antworten.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Natürlich steht in dem AfD-Antrag auch viel über eine sichere Energieversorgung – durch Atomkraftwerke. Was in dem Antrag nicht steht: Am 9. September musste das Atomkraftwerk Olkiluoto 2 in Finnland wegen eines Generatorproblems spontan abgeschaltet werden; die Reparatur läuft schleppend. Das Kraftwerk ist inzwischen wieder am Netz, aber nur mit reduzierter Leistung. In England läuft der Block 1 des Atomkraftwerks Hartlepool gerade auch nur mit stark gedrosselter Leistung; das Kondensatorrohr leckt. In Belgien verzögert sich der Neustart des Atomkraftwerks Doel 4, das seit August ausgeschaltet ist; es gibt Schäden an der Kuppel. In der Schweiz fällt Block 1 des Atomkraftwerks Beznau länger aus als gedacht; Probleme am Speisewasserbehälter. Und Frankreich hat im Sommer selbst Atomkraftwerke vom Netz genommen, die noch funktionieren, weil zu viel erneuerbarer Strom da war, und der Atomstrom sich nicht gerechnet hat. Das sind nur einige Beispiele aus der letzten Zeit. Das scheint das zu sein, was sich die AfD unter einer sicheren Stromversorgung vorstellt.
Doch halt! Die AfD hat noch mehr Ideen. Sie schreibt, es solle im deutschen Netz höchstens noch zehn Redispatch-Maßnahmen pro Jahr geben. Zur Erklärung: Von „Redispatch“ spricht man, wenn wir außer Plan Kraftwerke ans oder vom Netz nehmen, um die Stromnetze stabil zu halten. Redispatch ist teuer; darum bauen wir gerade massiv Stromleitungen aus und bringen Windkrafträder in die Fläche.
(Zuruf von der AfD: Das dauert noch 20 Jahre!)
Größere PV-Anlagen, Speicher und Wasserstoff: Das hilft, auf Redispatch zu verzichten.
(Stephan Brandner [AfD]: Wo ist denn der Wasserstoff?)
Das Spannende ist: Sie können sich sicher sein, dass bei all diesen Projekten – Stromleitungen, Windräder, PV-Anlagen, Wasserstoff – immer auch eine Gruppe AfDler rumsteht, die das Projekt bekämpft. Eigene Ideen? Fehlanzeige! Wenn die AfD Redispatch-Maßnahmen auf zehn pro Jahr beschränken will, ohne einen eigenen Plan zu haben, kann es also sein, dass Stuttgart ab der zweiten Januarwoche zukünftig öfter mal ohne Strom auskommen muss. Sensationeller Plan! Oder ohne Sarkasmus: Was die AfD will, würde unsere Energieversorgung dreckiger, unsicherer und viel, viel teurer machen.
(Zuruf des Abg. Marc Bernhard [AfD])
Was wir wollen, ist manchmal komplizierter, auf den ersten Blick vielleicht umständlich. Und ja, es fallen Kosten an, die sich erst in einigen Jahren rechnen. Und nein, wir haben auch kein Angebot mit einer Welt ohne Hurrikans.
Kommen Sie bitte zum Schluss.
Aber wenn uns Menschenleben, eine saubere Luft und günstige, sichere Energie für alle wichtig sind, lohnt es sich, den anstrengenden Weg zu gehen, der zum Ziel führt.
Haben Sie vielen Dank.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Für eine Kurzintervention erteile ich das Wort Malte Kaufmann.
Quelle | Deutscher Bundestag, Nutzungsbedingungen |
Quellenangabe | Deutscher Bundestag via Open Parliament TV |
Abgerufen von | http://dbtg.tv/fvid/7616427 |
Wahlperiode | 20 |
Sitzung | 191 |
Tagesordnungspunkt | Energieversorgung Deutschlands |