Thomas SattelbergerFDP - Bildungspolitik
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Bildungsbericht 2020 – es geht um die Zeit vor Corona. Wie wird erst der Bildungsbericht 2022 ausfallen, der das Bildungsfiasko in voller Tragweite abbilden wird?
Der 2020er jedenfalls ist ein Armutsbericht gegenüber dem von 2018: Die Zahl junger Menschen ohne Hauptschulabschluss ist um fast 20 Prozent gestiegen. Rund 30 Prozent der Schulabgängerinnen und Schulabgänger beginnen keine vollqualifizierende Ausbildung. Sie landen im Dschungel des Übergangssystems. Und von dort gelingt gerade mal der Hälfte der Sprung in eine Ausbildung – nach zwei oder mehr Übergangsmaßnahmen. Um eine Stadt so groß wie Heidelberg ist die Zahl junger Menschen zwischen 20 und 35 ohne berufliche Ausbildung gestiegen: um 150 000 auf 1,5 Millionen.
Die Kompetenzverluste durch die Pandemie werden die Situation dramatisch verschlechtern. Nachhilfe allein reicht nicht, Frau Bas. Deswegen unser Antrag. Wir müssen Brücken bauen, zum Beispiel indem wir das untaugliche Übergangssystem rasch reformieren. Mein Favorit ist die Renaissance der Einstiegsqualifizierung. Sie führt zu 70 bis 80 Prozent in die Berufsausbildung. Ein seriöses Programm, eine Marke, eine Finanzierung, eine Evaluierung, eine Bildungsmarke – Optimierung statt Wildwuchs, das wäre es.
(Beifall bei der FDP)
So was hätte als Erfolg in den Bildungsbericht gehört, Frau Karliczek. Wir brauchen Perspektiven statt Etikettenschwindel wie beim Bachelor Professional; selbst der hat heute keine Rose für Sie,
(Heiterkeit bei der FDP)
auch nicht für die Kanzlerin, die 2008 die Bildungsrepublik ausgerufen hat. Wenn wir uns heute, gut zwölf Jahre danach, mit anderen Nationen vergleichen, dann blicken wir eben nicht auf eine Bildungsrepublik, sondern auf eine Bildungsarmutsrepublik, und zwar am Sockel der Bildungspyramide genauso wie an ihrer Spitze. Selbst bei Topleistungen liegt Deutschland inzwischen im Mittelfeld. Die Bildungskette ist ungenügend, von der Kita bis zum Berufseinstieg.
(Beifall bei der FDP)
Das ist nicht – ich zitiere Ihre Aussage, Frau Karliczek, aus dem Sommer 2020 – viel Licht, aber auch Schatten. Nein, es ist quer durch die Republik schattenduster. Hic Rhodus, hic salta, Anja! Vielleicht hilft es Ihrer zarten Seele, Herr Rossmann, wenn ich meinen regelmäßigen Aufruf extra für Sie – aber nur heute – einmal bildungsbürgerlich formuliere.
(Heiterkeit bei Abgeordneten der FDP)
Schavan, Wanka, Karliczek, eine nach der anderen hat Schule versaubeutelt!
(Beifall bei der FDP)
16 Jahre christdemokratische Bildungspolitik wurden von der Realität brachial eingeholt, genauso wie der DigitalPakt Schule, der seit 2000 nötig ist und jetzt, in der Krise, vollends eingeknickt ist.
Frau Karliczek, Sie haben es immer noch nicht verstanden: Das Land ist mitten in einer Transformation. Es geht nicht um ein bisschen mehr Onlineunterricht. Was Sie gut konnten, war Schulen schließen. Was Sie gar nicht können: Krisen managen, Deutschland fit machen für die Digitalisierung, Transformieren, Lösungen finden für die junge Generation. Dieses Land braucht einen Neustart. Dann geht ein Ruck durch Deutschland. Wir freuen uns auf den 26. September!
(Beifall bei der FDP – Jan Korte [DIE LINKE]: Das würde ich nicht so leichtfertig sagen! – Steffi Lemke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ich frage mich auch gerade: Was passiert nach dem 26.? Tretet ihr diesmal in die Regierung ein?)
Vielen Dank, Dr. Thomas Sattelberger. – Nächste Rednerin: für die Fraktion Die Linke Dr. Birke Bull-Bischoff.
(Beifall bei der LINKEN)
Quelle | Deutscher Bundestag, Nutzungsbedingungen |
Quellenangabe | Deutscher Bundestag via Open Parliament TV |
Abgerufen von | http://dbtg.tv/fvid/7506053 |
Wahlperiode | 19 |
Sitzung | 215 |
Tagesordnungspunkt | Bildungspolitik |